### T.R.U.S.T. – Verschwörungstheorien, Wahrheitsversionen & Narrativen – Mirko Podkowik


Eine Ausstellung– BA-Thesis

»Ich plädiere daher für mehr Verschwörungstheorien, für mehr bedachtes Mißtrauen gegen Staat und Institutionen, gegen Sicherheitsorgane und Unternehmen, gegen Feindbilder und Selbstbilder. Das wirkliche Problem beginnt zumeist, wenn nur noch eine große Verschwörungstheorie geglaubt wird.« — Daniel Kulla: Entschwörungstheorie. 2007.

Eine Verschwörungstheorie wird nur als solche wahrgenommen, wenn sie in Konflikt mit in der Gesellschaft bereits etablierten Wahrheiten steht. Passt eine Geschichte nicht in die vorherrschende Wahrheit des Mainstreams, in den _Major Consencus Narrative_, oder wird dort nicht akzeptiert, so wird sie als falsch, als abseitig wahrgenommen.

Doch welche Eigenschaften muss eine Geschichte haben, damit sie sich durchsetzen kann? Es wird das zur Wahrheit, was sich gut erzählen lässt. Das sind Dinge, die in bekannte Schemata und Archetypen passen, Dinge die sich gut an bereits etablierte Wahrheiten und Narrativen angliedern lassen. So haben es komplexe Sachverhalte oft schwerer als anerkannte Wahrheit zu gelten, es sei denn, sie werden auf eine verständliche, gut erzählbare Ebene heruntergebrochen.

Ich möchte das Phänomen der Verschwörungstheorie aus einer wissenssoziologischen, konstruktivistischen Perspektive behandeln. Als Gestalter nähere ich mich diesem Thema auf emotionale, assoziative und künstlerische Weise, die streng empirische Forschung überlasse ich Soziologen und Philosophen. Der Wahrheitsgehalt von einzelnen Verschwörungstheorien ist kein ausschlaggebender Parameter für meine Arbeit, vielmehr ist es die Gleichzeitigkeit und Parallelität von Wahrheitsversionen, die mich interessiert. Diese Gleichzeitigkeit habe ich als gestalterische Leitidee in meiner Arbeit eingeführt: Wörter werden wiederholt, Motive in großer Zahl vervielfältigt, Videos gleichzeitig abgespielt. Narrativen können eher zu einer Wahrheit werden, wenn sie an etwas Bekanntes anknüpfen, das Vertraute ist der Maßstab für das Unbekannte, es wird zu meiner zweiten gestalterischen Leitidee: ich arbeite mit bekannten Motiven, Medien und Materialien.

Das Format der Ausstellung ermöglicht es mir, verschiedene Ansätze gleichwertig und gleichzeitig zu präsentieren. Es ist mir möglich, auf multimediale Weise Fragen zu stellen, Positionen vorzuschlagen und gemeinsames Nachdenken zu forcieren. Mit dem Besetzen eines Raumes eröffne ich eine nicht-lineare Narrative, die vom Betrachter gefiltert, evaluiert und in sein eigenes Weltbild eingeordnet werden muss.

##### Tagesschau in Cinemascope

Auf einem einfachen Wandregal steht ein Monitor auf einem Blu-Ray-Player in dem ein USB-Stick steckt. Auf dem Monitor läuft die aktuelle Ausgabe der Tagesschau. Die meist gesehene Nachrichtensendung in Deutschland wird von mir aus ihrem ursprünglichen Bildformat 16:9 in das Kinoformat 2,35:1 überführt. Durch diesen Eingriff erhält sie, die für viele Kinofilme typischen schwarzen Balken über und unter dem Bild, und so formal, aber auch assoziativ das Format einer fiktionalen Narrative. So wird klar, dass auch die Tagesschau als eine von vielen konkurrierenden Narrativen zu betrachten ist.

##### George W. Bush, George W. Bush & George W. Bush

Das offizielle Portrait von George W. Bush wurde von mir 5000 Mal auf 2500 Karten im Format DIN A6 vervielfältigt. Das Format ist als klassisches Postkartenformat den meisten Menschen bekannt. George W. Bush als Präsident, der während der Anschläge am 11. September 2001 im Amt war, ist zentraler Teil vieler Verschwörungstheorien, auch bis zu diesem Tag. Generell scheinen US-Präsidenten in vielen verschwörungstheoretischen Überlegungen aufzutauchen, manchmal als Marionette, manchmal selbst als Strippenzieher. In meiner Arbeit strömt der Präsident dem Betrachter tausendfach entgegen, der Mensch Georg W. Bush löst sich fast auf, er ist Teil der vielen Narrativen der amerikanischen und internationalen Öffentlichkeit, er wird zu der vielleicht größten multinarrativen Person überhaupt.

##### Wikipedia-Computer

Auf einem weißen Tisch steht ein geöffneter schwarzer Macbook bereit, der die Startseite der Wikipedia zeigt, davor eine Holzbank. Ich stelle Besuchern einen Computer zur Verfügung, der nur und ausschließlich Zugang zu Wikipedia bietet, also eine rein mononarrative _Wikipedia-Wahrheit_. Zwar können Artikel in verschiedenen Sprachen miteinander verglichen werden, ein Nachvollziehen der Quellen ist allerdings nicht möglich. Zwar ist der Computer an das Internet angeschlossen, aber nur Inhalte der Wikipedia-Server können geladen werden. Auch das Recherchieren zu Themen anderer Arbeiten in der Ausstellung wird so möglich, aber nur auf Wikipedia – also mononarrativ.

##### Nayirah, Hill & Knowlton

Dieser 4-Kanal-Videoarbeit liegt die Aussage von Nayirah im Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses am 19. Oktober 1990 zugrunde. Die als 15-jähriges, geflüchtetes, kuwaitisches Mädchen vorgestellte Zeugin berichtete von ihren Erlebnissen im Al Adan Hospital in Kuwait City. Dort habe sie beobachtet, wie irakische Soldaten 15 Babies aus Brutkästen nahmen und ›auf dem Steinboden sterben ließen‹. Der Journalist John MacArthur recherchierte später zu dieser Geschichte, dass es sich bei dem Mädchen um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA, Saud Nasir as-Sabah handelte. Er konnte ihre Aussage nicht überprüfen und andere Zeugen gaben zu, gelogen zu haben. Die Aussage war von der PR-Firma Hill&Knowlton für ihren Kunden _Citizens for a free Kuwait_ organisiert worden, der als kuwaitische Lobbyorganisation ein großes Interesse daran hatte, die Öffentlichkeit der USA zu überzeugen, ein militärischer Eingriff der USA in Kuwait sei gerechtfertigt.

Meine Video-Arbeit–Nayirah, Hill & Knowlton zeigt gleichzeitig die emotionale Aufnahme Nayirahs, die schriftliche Reaktion des Hill & Knowlton CEOs Thomas E. Eidson zu John MacArthurs Artikel aus der New York Times, einen Auszug aus der aktuellen Webseite von Hill&Knowlton zu ihren Angeboten für öffentliche Auftraggeber und ein Video aus dem Youtube-Kanal des Unternehmens.

Initiator von all diesen gleichzeitig laufenden Narrativen ist immer Hill & Knowlton selbst, deren Tagesgeschäft darin besteht für Kunden Narrativen zu entwerfen und gestalten.

##### Waiting for Chemtrails

Die Installation _Waiting for Chemtrails_ besteht aus einem Smartphone, das einen kontinuierlichen Videostream mit der App _Periscope_ sendet. Die Kamera des Geräts ist auf einen Spiegel ausgerichtet, der das Bild in den Himmel lenkt, so können Zuschauer diesen virtuell beobachten und nach _Chemtrails_ Ausschau halten. Laut der Verschwörungstheorie der _Chemtrails_ werden bestimmten Kondensstreifen von Flugzeugen Stoffe beigemischt, die Veränderungen des Wetters oder in der Bevölkerung erreichen sollen: z.B. Metallpartikel gegen den Treibhauseffekt oder gentechnisch veränderte Bakterien um die Bevölkerung auszudünnen.
Live-Video-Streams eröffnen die Möglichkeit unkompliziert persönliche Perspektiven, Geschichten oder Narrativen in Echtzeit zu teilen. In meiner Arbeit wird jedoch das ereignislose Bild des Himmels übertragen, dass zusätzlich durch die Umleitung über den Spiegel verzerrt wird und so eine transformierte _Wahrheit_ zeigt.

##### Major Consensus Narrative/ A world with genuine physics

Meine Arbeit zeigt eine Textstelle aus dem Roman _Zeitgeist_ von Bruce Sterling auf zwei gerahmten Bildern. Das erste zeigt die Textstelle mit gelbem Textmarker markiert in der Taschenbuchausgabe, das zweite die gleiche Stelle markiert in der digitalen Ausgabe auf einem Kindle. Die Buchausgabe weist Spuren meiner Recherche auf, es sind weitere Markierungen im Buch sichtbar — die digitale Ausgabe weist keine derartigen Lesespuren auf.

Der Science-Fiction Autor Sterling führt in dem markierten Teil den Begriff des _(Major) Consensus Narrative_ für etablierte Wahrheiten des Mainstream ein. Die Stelle ist aber in beiden Fällen aus dem Kontext gerissen, es ist zwar zu erkennen, dass die Stelle Teil einer größeren Narrative ist, der größere Kontext bleibt jedoch verborgen. Obwohl beide Bilder den gleichen Inhalt zeigen, auf die gleiche Weise gescannt, abgebildet und präsentiert werden, stellen sie sich dem Betrachter höchst unterschiedlich dar.

Betreuung: Prof. Nora Gummert-Hauser und Tim Turiak