22 Grad – Verirren mit System

– Lydia Scharlata


BA-Thesis
Die langweiligste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade . (Australische Weisheit)

Ich war in Warschau — und habe mich ständig verlaufen. Das lag weniger an meinem Orientierungssinn, den ich bis dahin als verhältnismäßig gut eingeschätzt habe, sondern vielmehr an der Stadt selbst. Trotz Karten, Beschilderungen und Navigations-Apps kam ich immer wieder in Situationen, in denen ich nicht mehr weiter wusste. Dafür entdeckte ich etwas anderes: Abseits von vorgegebenen Wegen sind noch viel sehenswertere und interessantere Orte.

Daraus hat sich für mich die Frage ergeben, wie sinnvoll es ist etwas zu entwickeln, das den Menschen helfen soll sich nicht zu verirren, wenn es sich manchmal nicht vermeiden lässt? Wäre es nicht viel besser, die Leute darauf vorzubereiten oder sie sogar zum Verirren zu animieren? Wer kennt das Gefühl nicht, sich verlaufen zu haben, um dann plötzlich etwas völlig Überraschendes und Schönes zu entdecken? Muss denn jeder Schritt einer Reise genau geplant sein? Wozu soll man sich auf vorhandene, vielleicht zu verwirrende Beschilderungen und Wegbeschreibungen verlassen, wenn man etwas entwickeln könnte, das zeigt, wie man die Stadt selbst als Orientierungshilfe nutzen kann?

Dieses Buch macht genau das: Es ist kein Reiseführer, der dem Leser vorgibt was sehenswert ist, sondern vielmehr ein Reisebegleiter, der dem Leser das freiwillige Verirren beibringt – immer so, dass er jederzeit zurück findet ohne auf Hilfsmittel wie Karten angewiesen zu sein. Aufgeteilt in einen praktischen und theoretischen Teil lernt er die Zeichen einer Stadt zu lesen wie ein Pfadfinder den Wald. Wegfindungsstrategien werden zusammen mit spielerischen Übungen direkt vor Ort angewendet, um so ganz neue Seiten einer Stadt zu entdecken.
Warum Verirren? Weil’s Spaß macht!


Betreuung: Prof. Nora Gummert-Hauser, Dipl. Des. Hartmut Schaarschmidt

Der iF-concept-design-award ist einer der wichtigsten und weltweit größten studentischen Designwettbewerbe. Gefragt waren Konzepte aus allen Designdisziplinen, mit denen Sie sich als Studierende und Nachwuchsdesigner künftigen Herausforderungen stellten und über intelligente Wege zeitgemäßer Designstrategien nachdachten. Aus mehr als 15.000 eingesandten Konzepten wurden 11.000 zum Wettbewerb 2012 zugelassen und eine Jury wählte daraus die Best100 iF-concept-award Preisträger. Wir gratulieren Lydia Scharlata herzlich zu diesem Erfolg!

Ihre oben beschriebene BA-Abschlussarbeit beschäftigt sich mit den Themen Orientierung und Desorientierung. Aufgrund der Erfahrung, dass es z.B. in einer Stadt wie Warschau unmöglich ist, sich nicht zu verirren (Warschau wächst und verändert sich zu rasant, Buslinien werden mehrmals wöchentlich umgeleitet) wuchs in Lydia Scharlata die Erkenntnis, dass es wahrscheinlich sinnvoller ist sich direkt mit System zu verirren, anstelle der Versuchung zu erliegen, ein nicht funktionierendes Orientierungssystem zu etablieren. Sie entwickelte eine Publikation in welcher sie systematisch die Begriffe Orientierung und Desorientierung beleuchtet und durch praktische Übungen den Leser dazu verführt, sich freiwillig zu verirren. In Zeiten von Smartphones, die uns als ständige Begleiter Orientierung versprechen, die darauf basiert dass wir nicht mehr real kommunizieren müssen, ist dieser Ansatz von großer kulturphilosophischer Bedeutung und weist somit ein hohes Maß an gesellschaftlicher Relevanz auf.